Über das Projekt
Wenn die Muttersprache fremd klingt
Die meisten Menschen, die im Erwachsenenalter eine Zweitsprache (L2) lernen, sprechen diese mit einem fremdsprachlichen Akzent, der Spuren der Erstsprache (L1) aufweist. Aktuelle Studien zeigen, dass dies auch umgekehrt möglich ist, d.h. das Erlernen einer L2 kann die Aussprache in der L1 beeinflussen – und zwar in einem Ausmaß, dass die Person einen fremdsprachlichen Akzent in ihrer Muttersprache aufweist. Dieses Phänomen bezeichnet man gemeinhin als phonetische Sprachattrition der L1. Dieses Projekt zielte darauf ab, die Art des fremdsprachlichen Akzentes in Form von wahrgenommenen Ausspracheunterschieden von der L1 Norm in der L1 Aussprache von englischen Auswanderern in Österreich zu charakterisieren.
Zu diesem Zweck wurde ermittelt, wie häufig unsere englischen Sprecher:innen von Hörer:innen als nicht-muttersprachlich wahrgenommen wurden und welche Aussprachemerkmale dazu beitrugen. Knapp die Hälfte (47%) der englischen Sprecher:innen wurde in ihrer L1 als nicht-muttersprachlich wahrgenommen: 42% wurden als leicht akzentuiert und 5% als stark akzentuiert bewertet. Das zeigt, dass es für Sprecher:innen nicht ungewöhnlich ist, einen zumindest leichten fremdsprachlichen Akzent in der L1 zu haben. Hörer:innen assoziierten nicht-muttersprachliche Aussprache am häufigsten mit der Sprechgeschwindigkeit, der Intonation und Vokalen, während Konsonanten deutlich seltener genannt wurden. Das verdeutlicht, dass einige Akzentmerkmale mit größerer Wahrscheinlichkeit als nicht-muttersprachlich wahrgenommen werden als andere.
Außerdem untersuchte das Projekt, wie Aussprachemerkmale, die in der L1 am häufigsten als nicht-muttersprachlich wahrgenommen wurden, von den Sprecher:innen produziert wurden. Die Ergebnisse zeigten, dass sich ihre Sprachproduktionen von denen in England lebenden englischen Muttersprachler:innen unterschieden. Ein Vergleich der Sprecherdaten mit deutschen Aussprachemustern österreichischer MuttersprachlerInnen zeigte, dass die beobachteten Veränderungen in der L1 Aussprache durch Interaktionen mit den entsprechenden Merkmalen in der L2 hervorgerufen werden. Die Hörer:innen stützen ihre Wahrnehmung von Nicht-Muttersprachlichkeit also auf Aussprachemerkmale der L2, die in der L1 Aussprache der Sprecher:innen vorhanden sind.
Schließlich sollte im Rahmen des Projekts festgestellt werden, warum einige Sprecher:innen als nicht-muttersprachlich wahrgenommen werden, während dies bei anderen Sprecher:innen unter ähnlichen Umständen nicht der Fall ist. Wir fanden heraus, dass Personen, die sich länger in der L2-Umgebung aufgehalten haben, tendenziell als weniger muttersprachlich wahrgenommen wurden. Andere Faktoren (z.B. Häufigkeit der L1- und L2-Verwendung, Alter der Sprecher:innen zum Zeitpunkt des L2-Erwerbs, L2-Sprachkompetenz) konnten individuelle Unterschiede in der wahrgenommenen Nicht-Muttersprachlichkeit jedoch nicht erklären. Wir fanden beispielsweise heraus, dass eine gute L2 Aussprache nicht unbedingt zu wahrnehmbaren Aussprachveränderungen in der L1 führt, da einige Sprecher:innen einen sehr schwachen L2 Akzent hatten, aber dennoch als stark akzentuiert in ihrer L1 wahrgenommen wurden.
Insgesamt haben die Ergebnisse unser Verständnis von phonetischer Sprachattrition in der L1 erweitert, da sie zeigen, welche Aussprachemerkmale „verlernt“ werden können und wie dies die wahrgenommene Muttersprachlichkeit beeinflusst.